Ein leises aber wohliges Schnarchen ertönt von der gegenüberliegenden Bank. Wenn ich die Augen zu mache, könnte das genauso gut Arne sein, aber der liegt über mir im Zug nach Agra. Inder schnarchen gar nicht so anders – eigentlich hört es sich so an wie sich Schnarchen halt anhört. Mir drängt sich irgendwie die Frage auf, ob das Schnarchen eine verloren gegangene Sprache ist, da es ja auch nur bestimmte Menschen sind, die es regelmäßig tun.
Auch der Hotelbesitzer in Varanasi hatte leise vor sich hin geschnarcht, als er in aller Seelenruhe ein Nickerchen am Nachmittag in seinem Bett mitten in seinem eigenen Restaurant hielt. Es hatte zwar auf eine gewisse Art etwas beruhigendes, aber es war gleichermaßen etwas verstörend, wenn man sich vorstellt man säße jetzt neben seinem Bett und isst. Auch deshalb, aber vor allem wegen des schönen Wetters setzten Arne und ich uns auf die Terrasse des auf dem Dach gelegenen zu unserem Hotel gehörenden Restaurants.
Die Sonne schien zwar, wurde aber von einem über der Stadt liegenden Smog so arg gedämpft, dass man hier nicht bis Sonnenuntergang auf atemberaubende Lichtspiele durch die unterschiedliche Brechung des Lichtes durch verschiedene Teilchen warten musste. Das Begann schon nachmittags, als das Licht schwächer wurde. Es verleiht der Stadt Varanasi etwas Drückendes, vor allem wenn man an einem Ghat steht und von den Rauchschleiern der am Ufer unter freiem Himmel brennenden Leichen eingehüllt wird. Ebenso ist man ein wenig enttäuscht, wenn man den Blick in die leichte Rechtskurve legt, den der Ganges entlang der Stadt macht, denn auch hier nimmt der Smog einem einen wunderschönen Ausblick.
Als hätte der Zufall unsere leichte Enttäuschung gespürt, fand am zweiten Abend unseres Aufenthaltes in Varanasi ein großes Lichterfest statt, für das sich die heilige Stadt schon einen Monat im Voraus herausgeputzt hat. An dem besagten Abend erstrahlt Varanasi dann in vollem Prunk. Alles durch Millionen von kleinen Kerzchen, aber auch durch unzählige elektronische Lichter, wodurch die zahlreichen Stromausfälle in den folgenden Tagen zu erklären waren. Alles, was an Lautsprechersystemen vorhanden war, wurde aufgefahren und zum Krachmachen missbraucht. Hindipop und völlig unmelodische und unrhythmische Sprechgesänge sind auf Dauer mehr Zumutung als Vergnügen. Auch die drängelnden, schupsenden und festhaltenden Menschenmassen sind kein Spaß, aber entgegen aller unangenehmen Seiten ist es ein einmaliger Anblick die Stadt und den Fluss bei Nacht so lebendig und leuchtend zu erleben.
Es gab bisher glaube ich kaum eine Stadt in der sich der Tag so sehr von der Nacht unterschied. Am Tag sind alle Inder generell sehr beschäftigt, Stadt und Verkehr sind laut und hektisch. Abends, und das merkte man besonders an den Jungs des Hotels, wird die Stadt etwas sanfter und beruhigt sich allmählich – das Hemd wird abgelegt, die Pupillen weiten sich, die Stimme wird leise und der Wortschatz karg. Um das zu verstehen, sei gesagt, dass Varanasi die Stadt des Gottes Shiva ist. Shiva ist der Gott der Zerstörung. Um sein Gemüht zu besänftigen, hilft nur Mariuhana, denn er wird auf Bildnissen stets mit Chillum (eine Art Pfeife) abgebildet. Deshalb, und das ist kein Scheiß, ist Mariuhana in Varanasi, und offiziell auch nur in Varanasi, legal. Abends also, wird in Varanasi kräftig konsumiert, um Shiva zu zähmen.
Tagsüber versteht man die Menschen in Varanasi jedoch kaum, was nicht daran liegt, dass sie so undeutlich reden oder noch bekifft sind vom Vorabend. Es liegt auch nicht an mangelnden Englischkenntnissen, im Gegenteil. Es liegt daran, dass die Inder ständig und permanent Kautabak in der Fresse haben. Sie quetschen das Zeug zwischen Unterlippe und Unterkiefer, sodass sie, wenn sie reden immer den Mund heben müssen, damit die Suppe nicht aus dem Mund läuft, was sich dann so anhört, als hätten sie ein rohes Ei im Mund. Der übermäßige Kautabakkonsum führt zu genau zwei Dingen: Zunächst verdienen sich Zahnärzte oder Straßen-„Zahnzieher“ eine goldene Nase, weil die Zähne früher oder später von Kautabak einfach abfaulen. Andererseits rauchen die Inder hier deutlich weniger Zigaretten als woanders, was zum Einen gut für die Lunge ist und zum Anderen Phillip Morris nach und nach aus der Stadt verdrängt.
Das Abwaschen unserer Sünden im Ganges haben wir letztlich nach einigen Überlegungen dann doch gelassen, nachdem wir sahen wer und vor allem was sich da noch so alles die Sünden abwäscht. Es sind nicht nur die Toten, die am Fluss verbrannt werden, um danach ins Nirvana zu gelangen. Schlimm sind auch nicht die Inder, die sich jeden Morgen darin waschen, aber wenn ich sehe, dass so ziemlich jedes Vieh, das in der Stadt herumläuft in den Ganges zum Baden getrieben wird, dann kann ich mir auch im Hotel unter der Dusche meine Sünden abwaschen.
Überwältigend ist die Kraft die „Big Mother Ganga“ hat. Sie zieht ein ganzes Volk in ihren Bann. Tausende Pilger, ebenso viele Mythen und genug Menschen, die im Alter nach Varanasi ziehen, um dort auf ihren Tod zu warten, in der Hoffnung dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt entfliehen zu können und direkt ins Nirvana zu gelangen. Dabei strahlt der Fluss eine Ruhe und eine Zurückhaltung aus, als wäre ihm das alles nicht ganz geheuer.
Die Inder aber glauben fest an die Kraft ihres heiligen Flusses. Das ist es was Varanasi ausmacht, die Spiritualität ist greifbar.
peace&love.arne&paulus.
aufräumen für das große Lichterfest
Arne und das Sonnenrad
der Ort, an dem Buddha seine erste Rede hielt
ein verlassener Tempel direkt am Ganges
der Blick auf Varanasi und "Big Mother Ganga"
Schöner einfühlsamer Bericht...
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