Donnerstag, 20. Oktober 2011

My Friend! Do you want a taxi? Rikshaw?


Nachdem wir die Flucht aus der unerträglichen Hitze Abu Dhabis und Dubais ergriffen hatten, suchten wir Zuflucht in Indiens Bollywood-Hauptstadt Bombay oder Mumbai, wie man heute sagt. Das Problem war nur, dass wir uns dieser Zuflucht nicht ganz sicher waren, denn aufgrund eingehender Warnungen seitens unserer Eltern, betraten wir die Stadt mit dem Höchstmaß an aufzubringender Skepsis. Wir waren gewappnet und stets auf der Hut vor Einheimischen, die an unser Geld wollen. Berechtigt war dies in der ersten Nacht allemal, nicht nur wegen des überteuerten Hotels, sondern auch aufgrund des scheinbar drogensüchtigen Taxifahrers, der nach der Ankunft mit glasigem Blick nur noch „gimme tips“ herausbrachte.
Wir merkten jedoch auch schnell, dass die Einheimischen sehr hilfsbereit sind, wenn man nicht denen folgt, die einen mit „My Friend!“ ansprechen. So verhalf uns am nächsten Tag ein Mann namens Felix zu einem günstigeren Hotel. Nachdem wir ihm nicht nur die neue Bleibe, sondern auch einige Trips durch die überfüllten Märkte und hektischen Slums zu verdanken hatten und immer noch kein Geld für die Sightseeing-Touren verlangt wurde, kam doch mittelschwere Skepsis bei Arne und mir auf. Es war nicht das, was wir erwartet hatten, von einem Inder durch die Stadt geführt zu werden, gute Restaurant-Tips zu bekommen, vor eben den Leuten beschützt zu werden, die einen ausnehmen wollen und für das Ganze nicht einmal was zu zahlen. Doch es stellte sich heraus, dass Felix tatsächlich ein Mann war, der gerne Ausländern weiterhilft und Zeit mit ihnen verbringt. So haben wir ihm so ziemlich alles, was wir in Bombay an Eindrücken gewannen, zu verdanken.
Wenn man aus Europa und der europäischen Kultur nach Bombay kommt, dringen so viele Eindrücke auf einen ein, dass man diese nicht im Ansatz festhalten kann. Was dabei am meisten auffällt, ist, dass im Grunde alles anders ist. Es ist nicht nur die Infrastruktur, die viel individueller, viel weniger reglementiert ist, es ist vor allem auch die Sauberkeit und Hygiene, die im Vergleich zu Europa zu wünschen übrig lässt. So ist Schimmel, Kalk und Rost im Bad hier mehr ein ständiger Begleiter, als ein entfernter Bekannter. Das Toilettenpapier ist längst in die Kategorie der Luxusgüter gerutscht und wenn man keine kleine Brause neben der Toilette findet, ist man mehr oder weniger auf sich und seine linke Hand gestellt. Es wird viel an europäischem Standard gespart. Das Wort Komfort bekommt in Indien eine ganz neue Bedeutung, man merkt, wie viel von dem, was man hat, Komfort ist. So gibt es in Bombay nicht ansatzweise ein System zur Müllbeseitigung und die Inder selbst schmeißen ihren Abfall auf die Straße oder auch gerne direkt ins Meer. Deshalb gleichen einige Teile der Stadt eher einer Mülldeponie.
Grund hierfür könnten zwei Dinge sein. Zum einen sind es wahrscheinlich einfach zu viele Menschen, die zu viel Müll machen, um diesen zu entsorgen, denn immerhin zählt Bombay zu den größten Städten der Welt. Zum anderen aber schlich sich der Gedanke bei uns ein, dass dies eine Maßnahme zur Verminderung des CO2-Ausstoßes sein könnte, denn es entfallen beträchtliche Mengen an Abgasen allein dadurch , dass es keine Müllautos gibt und der Müll in der Regel nicht verbrannt wird. Vielleicht also sollten wir uns ein Vorbild daran nehmen. Vielleicht.
Trotz der Sparmaßnahmen in puncto Müllabfuhr herrscht zumindest tagsüber unheimlicher Verkehr in der Stadt. Das einzige verkehrsregulierende Mittel was es gibt ist die Ampel und das auch nur am Tage, denn in der Nacht scheinen die Inder farbenblind zu werden. Ansonsten reguliert sich der Verkehr mittels ständigen Hupens und Schreiens selbst – ein Traum für jeden freien Marktwirtschaftler.
Dadurch, dass Indien, auch aufgrund der zahlreichen Straßenverkäufe, anscheinend keine Struktur zur Preisbildung hat, ist das Wichtigste, wie erwartet, das Handeln. Allerdings ist das nicht ganz so einfach, wenn man so aussieht wie wir – also wie Touristen, denn wenn die Inder eines können, ist es ihre häufig an Qualität mangelnde Ware semantisch in der Himmel zu loben. Das Handeln also muss gelernt werden.
Ebenso eindrucksvoll sind die unterschiedlichen Gerüche Bombays. So beherrschen nicht exotische indische Gewürze den Straßengeruch, sondern eher eine äußerst interessante Mischung aus Abgasen, Müll, Fäkalien und gesalzenem Fisch.
Jedoch gewöhnt man sich an alles und es gibt viel, an was man sich gewöhnen muss.
Dazu gehört auch die Fortbewegung. Man fährt nicht mal eben mit Bahn oder Bus in zehn oder zwölf Stunden von Hamburg nach München, nein, man muss für die Strecke von Bombay nach Goa circa 16 Stunden einplanen. Gefahren wird mit einem „Sleeper“-Reisebus, indem man sich eine schmale Pritsche auch noch teilen muss. Dafür aber  kommt man für den Transport mit weniger als zehn Euro aus, womit man in Deutschland mit Bus oder Bahn wahrscheinlich nicht mal ins nächste Örtchen käme.
In Anjuna Beach (Goa) ereilte uns dann nach drei Tagen akustischen Dauerstresses so schlagartig die Ruhe und die Gelassenheit, dass wir es kaum glauben konnten. Schon nach den ersten Stunden war völlig klar, dass wir in eine andere Welt gereist waren. Entgegen der ständigen Hektik und der andauernden Überreizung jeglicher Sinnesorgane, regiert in Goa einfach nur die Ruhe, die Gelassenheit und das „Sich-Selbst-Genießen“ („enjoying-yourself“). Es handelt sich mehr um ein Überbleibsel der 70er-Jahre Hippie-Subkultur, als um traditionelle indische Kultur. Fast schon routinemäßig wird man auf der Straße gefragt:  „Do you want to smoke something, my friend?“ . Hierbei wird das „something“ zum sinntragenden Bestandteil des Satzes und bezieht sich so gut wie ausschließlich auf Drogen.
Wenn wir also nicht gerade „uns-selbst-genossen“ liehen wir uns einen Roller und entdeckten die Gegend und atemberaubende Strände, wie Arambol, einem Strand, an dem sich Arne und ich völlig allein widerfanden.
Getrieben von den mitreisenden Mädchen, ergriffen wir einige Tage später die Flucht und steuerten Süd-Goa an, um genauer zu sein die Stadt Palolem mit dem wahrscheinlich schönsten Strand Goas. Palolem ist bisher das Unindischste, was wir auf der Reise zu sehen bekamen, denn der Strand gleicht mit seinen zahlreichen „Beach-huts“ mehr einer Karibikinsel. Definitiv ein gefundenes Fressen für Schnäppchenjäger, denn an indische Preise kommt wahrscheinlich keiner heran, und absolut eine Alternative zu herkömmlichen Standard-Mittelmeer-Strandurlaub. Nicht nur der Strand ist idyllisch, sondern auch der Straßenverkehr wird in Goa mehr von im Weg stehenden Kühen bestimmt, als von penetrant hupenden Kleinwagen.
Unser Tagesrythmus in Palolem war ein ganz einfacher: Im Grunde wechselte sich der Strand mit den Restaurantbesuchen ab und abends freute sich der Chef des kleinen Alkoholshops über unseren Einkauf für den Sonnenuntergang am Strand.
Dass man so allerdings nicht ewig leben kann, lernte man frühestens in der Grundschule, wenn man da aber nicht aufmerksam war – auch nicht so schlimm, denn irgendwann jammert auch der Geldbeutel.
Also zwängten wir uns mit hunderten Indern in ein enges Zugabteil der untersten Klasse, wo die Menschen überall lagen und schliefen, ob auf dem Boden oder in der Gepäckablage. Als der Zug sich nach einiger Zeit leerte, wurde nach anfänglichem Stehen, endlich auch ein Erdenplätzchen für uns frei.
Gebeutelt von der anstrengenden Übernachtzugfahrt liegen jetzt hinter mir im Bett tief schlafend Birte, Samira und Arne in einem Hotelzimmer irgendwo in Mangalore und von draußen ertönt das so sehnlich vermisste Straßenorchester.

peace&love.paulus&arne.  

3 Kommentare:

  1. Lieber Paulus, lieber Arne (auch wenn wir uns nicht kennen)! Schön, dass es dieses blog gibt und Ihr könnt sicher sein, dass ich ein regelmäßiger Leser sein werde, habe ich doch auch im Mai/Juni einen blog up-to-date gehalten, auch wenn es nur um eine 5-Wochen Tour durch Michigan ging. Ich wünsche Euch von Herzen viel Spaß, Eindrücke, keine ansteckenden Krankheiten und, und, und... Solltet Ihr doch noch nach NZ kommen und dort work and travel machen wollen, laßt es mich wissen. Ich kann ggf. ein paar Kontakte aktivieren. Safe travel and lot of love Gisbert, Naumburg
    P.S. Foto uploads nicht vergessen!!!!

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  2. Gisbert!
    Schön, von Dir zu hören und lieben Dank für Deine Wünsche.
    Wir werden den Blog bis zum Ende unserer Reise aufrechterhalten, auch wenn wir wahrscheinlich zwischendurch auch mal einige Zeit kein Internet haben sollten. Bilder gibt es hier auch in den nächsten Tagen.
    Wir sind auf jeden Fall 3 Monate in Australien und vielleicht finden wir Gelegenheit nach NZ zu fliegen und dort weiterzumachen.
    Anyway, vielen lieben Dank für Deine Grüße und von uns viele liebe Grüße auch Varkala, Kerala, Indien!!!
    Arne&Paulus

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