Samstag, 30. Juni 2012

Viva México, Cabrones!

„Wollt ihr ein Bier?“, fragte uns der Vater von Pepe auf Spanisch, als wir gerade hungrig unsere ersten mexikanischen Tacos verschlungen. „Unbedingt!“, antworteten wir auf holprigem Spenglisch, nachdem wir mitten in der Nacht aufgestanden waren, um nach dem zweitägigen „Layover“ in L.A. nach Mexiko zu fliegen. Nach tausenden Kilometern quer über den Pazifik, zwei Tagen in L.A. und unzähligen Stunden in der unbequemen Economy-Class hatten wir ein Bier bitter nötig. „Dos Victoria, por favor!“, bestellt Pepe Senior, um uns danach zu erklären, dass die Mexikaner Corona an die ganze Welt verkaufen, weil es den meisten Mexikanern gar nicht so gut schmeckt. Sie behielten ihr gutes „Victoria“ lieber für sich, sagte er mit einem schelmischen Grinsen.

Als der Rachen mit einem ordentlichem Schluck Bier gekühlt war, wurde uns das Essen serviert, an dem Straßenstand irgendwo zwischen Mexiko-Stadt und Morelia, wo die Familie aus Gewohnheit immer hält. Hier gibt es Tacos und zwar keine einfachen Tacos, sondern „Tacos de Cabrito“ – also vom gerade geborenen Zicklein. Wir bekamen aber eine Hasenkeule, was man auch nicht täglich hat. Das erste typisch mexikanische Essen - stehend vor dem offenen Grill und mit Schweißperlen auf der Stirn – intus, wurden die letzten Kilometer nach Morelia abgespult, wobei sich Pepe Sr. etwas mit dem Gas vertat und die Polizei bezahlen musste – so läuft das hier in Mexiko.

Direkt am nächsten Abend ging es weiter mit unseren kulinarischen Erfahrungen. Nach einer Stunde Fußball mit den alten Herren aus Pepe Sr.‘s Freundeskreis in der prallen Sonne und Morelias Höhenluft, waren wir völlig ausgelaugt und sonnengebrannt. Wie gut, dass sich die alten Herren nach dem Fußball nicht pingelig geben und das Bedürfnis verspüren sich sofort umzuziehen oder zu duschen. Nein, hier wird in der Minute nach Abpfiff der erste Kasten Bier und die erste Flasche Brandy auf den Tisch gestellt. Immer abwechselnd bringt dann einer etwas zu essen mit, was dann in großer Runde vertilgt wird.

An diesem besagten Tag gab es zu unserem Vergnügen Schweinehaut, Schweinefüße und wer jetzt noch nicht gekotzt hat: Bullenpenis. Tapfer probierten wir alles und stellten fest, dass nicht der Geschmack an sich das Widerliche ist, sondern die Konsistenz, das Aussehen eines gekochten, aufgeschnittenen Penis‘, ist was einem Mann den Magen umdreht – und die Vorstellung an Schweinefüßen zu knabbern ist auch nicht gerade gourmetverdächtig.
Zu unserer Beruhigung ist das jedoch nicht unbedingt typisch mexikanisch, denn als wir später am Abend Pepe Jr.‘s Freunden davon erzählten, verzogen die auch das Gesicht.

Abgesehen von seiner kulinarischen Vielfalt ist Morelia eine der bedeutendsten Städte Mexikos. Sie ist nicht nur Hauptstadt des Staates Michoacán und Heimat von einflussreichen Figuren der mexikanischen Geschichte, wie Miguel Hidalgo und Morelos, sowie des aktuellen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderon. Viel mehr gehört der alte, sehr gut erhaltene Kern der Stadt, geprägt von Kathedralen und Kirchen, seit 1991 zum UNESCO Weltkulturerbe.

So schön, wie die morelianische Altstadt ist, so dunkel sind ihre Gassen. Denn wie wir später in Mexiko-Stadt von unserem Freund Lucas erfahren sollten, herrscht im Bundesstaat Michoacán eine der einflussreichsten Kartelle Mexikos – die „Familia Michoacana“, die wohl einen Großteil des Handels mit Marihuana in Mexiko kontrolliert.

                Ja, es liegt so einiges im Argen in Mexiko. Das bekommt man allerdings in der gut behüteten Behausung der Familie Herrera in Morelia nicht mit. Das musste uns alles erst erzählt werden – nicht, dass wir nicht wüssten, dass in Mexiko innerer Krieg herrscht. Aber wir hatten das Glück, davon nichts mitbekommen zu haben und dachten schließlich, dass das alles weit weg im Norden oder in dunklen Vierteln von Mexiko-Stadt passiert. Aber, dass Morelia mittlerweile als gefährlicher eingeschätzt wird, als Mexiko-Stadt selbst, hätten wir nicht gedacht. Auch wenn in Mexiko-Stadt in manchen Vierteln Straßenschlachten zwar ungewöhnlich sind, aber vorkommen können, wurden 2008 noch Granaten während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten geworfen – 8 Menschen starben.

Mexikos Zukunft ist ungewiss. Wird es jemand schaffen das Land aus dem Krieg zu führen? Am 1. Juli sind Präsidentschaftswahlen. Favorit ist Pena Nieto, der mit schmierigen Plakaten wirbt, auf dem er Lebensmittel verschenkt und das Volk ihm zujubelt – schlechter kann ein Foto nicht manipulieren. Bei Nieto ist man sich einig, dass er eine Marionette ist. Die Frage ist nur, ob von der Mafia oder von Konzernen oder gar beiden. Zumindest glaubt man das im aufgeklärten Districto Federal, welches einer der wenigen Plätze in Mexiko zu sein scheint, wo auch nicht-gekaufte Informationen hingelangen.

Nicht nur, dass Nieto ziemlich sicher fremdgesteuert ist. Darüber hinaus hat er als Gouverneur des Bundesstaates Mexiko eine friedliche Demonstration der Bauernbewegung mit Polizeikraft niederschlagen lassen, wobei zwei Menschen starben, etliche verletzt wurden und über 40 Frauen von Polizisten vergewaltigt wurden. „Wenn Nieto die Wahl gewinnen sollte, dann sperren Linke und Studenten die Stadt“, ist Lucas sich sicher.

Lucas ist seit knapp 9 Monaten in Mexiko, im Rahmen eines sozialen Projekts mit Ex-Straßenkindern und Missbrauchsopfern und kennt das Land mittlerweile, wie sein eigenes. Er erklärt uns viel, vor allem hinsichtlich Regierung und Drogenkrieg, hat uns aber auch zu allen Sehenswürdigkeiten in Mexiko-Stadt geschickt.

Abends bei einem Bier in einer Bar fragt er uns, ob wir den Park neben dem „Palast der Schönen Künste“ („Bellas Artes“) gesehen haben. Dort, direkt neben einer der Hauptattraktionen von Mexiko-Stadt, holten pädophile Freier die Straßenkinder ab.

 So tief die Abgründe aber auch sind in Mexiko, steht außer Frage, dass es ein Land ist, was sich wirklich lohnt zu bereisen. Allen voran wegen der Kultur, der Cuisine und der mexikanischen Mentalität, die es sich Lohnt zu verstehen und kennenzulernen.

Und der Drogenkrieg lauert nicht hinter jeder Straßenecke – man sollte auf jeden Fall vorsichtig sein, aber Angst ist definitiv zu viel.

"Los Tarascos" - Morelia

man nennt ihn auch "Arnaldinho"

Bier, Schweinefüße und Bullenpenis


Morelia

die alten Fußball-Herren

Morelia-Altstadt

Hausbar

Kathedrale in Morelia



Mexiko-Stadt vom "Torre Latino" aus

Lucas und Marthe






peace&love.alex&paul.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Welcome to a Land Down Under!

Fisch- und Gemüsemarkt in Hong Kong

Hong Kong – Abschied aus Asien

„Wie sieht es eigentlich in Manhattan aus?“, fragten wir uns als wir zwischen den wolkenkratzenden Gebäuden den Kopf in den Nacken legten. Die Straßen sind gepflastert mit Armani, Gucci und Versace, der Asphalt gesäumt von Bentley und Rolls Royce. Das ist Hong Kong Island.
Zehn Minuten Fähre und eine dreiviertel Stunde Bahnfahrt entfernt auf dem Festlandteil von Hong Kong lebt Barel, unser Host, in einer einfachen Zweizimmerwohnung in einem Wohnblock á la „Berliner-Platte“. Diese Hochhaus-Wohnsiedlungen ziehen sich entlang der Gleise durch das schmale Tal. Jede einzelne scheint mindestens so groß zu sein wie Osnabrück. . Hier ist nichts mehr zu spüren vom Glanz und Glamour der einstigen britischen Kolonie – das hier ist China. Untergebracht sind hier die „Normalsterblichen“ – alle diejenigen, die nichts am Hut haben mit Investment Banking und Kapitalismus. Eben so, wie Barel, der seine Couch über CouchSurfing anbietet, um Englisch zu lernen und Leute kennenzulernen. Insgesamt macht er einen recht einsamen Eindruck. Auch seine Wohnung zeichnet sich durch Leere, Kälte und Eigenschaftslosigkeit aus.
Am Wochenende geht er für gewöhnlich um halb acht morgens zu seinen Eltern frühstücken. Die beiden älteren Herrschaften wohnen natürlich auch in einem Hochhaus in einer noch kleineren, völlig überladenen Wohnung, in der vollgepackte Regale als Raumtrennung zwischen Wohn- und Schlafbereich fungieren. Hier lernen wir, dass ein chinesisches Abendessen nicht immer Hund oder Katze sein muss, sondern auch mal Lachs, Tomaten und Eier enthalten kann.

Auch wenn uns Barel in dieser einen Woche oftmals sehr eintönig und unkreativ vorkam, spürten wir doch seine Herzlichkeit und seinen guten Willen, obwohl wir ihm vielleicht hätten erklären sollen, dass aufgewärmte Cola noch lange kein Tee ist und gekochter Reis mit Wasser vielleicht nicht unbedingt Reissuppe.

Wer etwas auf sich hält in Hong Kong, wohnt nicht in einem solchen Vorort-Ghetto, sondern verstaut seine Armani-Anzüge eher in den Bergen von Stanley, das auf der anderen Seite von Hong Kong Island liegt. Hierhin gelangt man mit dem Bus durch schmale Serpentinen über den „Victoria’s Peak“. Stanley ist der beste Ort in Hong Kong der Großstadt-Hektik zu entkommen und ein denkbar idyllischer Platz sesshaft zu werden. Allerdings nicht ohne die nötigen Scheine. Hier versteckt sich die Elite Hong Kongs.


in the streets

der Blick auf Hong Kong Island bei Nacht

mit Host Barel

Reissuppe zum Frühstück

Skyline von Hong Kong Island und im Hintergrund vom Mainland



„No worries, mate!“ – über australische Gastfreundschaft

Nach und nach hatten wir genug von der asiatischen Kühle und freuten uns immer mehr auf unseren dreimonatigen Trip durch Australien. Schon beim Einchecken in unser erstes Hostel in Sydney begegnete uns dann die australische Wärme. Hier wurden wir mit einem herzlichen „How are you, mate?“ begrüßt, woraufhin wir etwas perplex nur ein gestammeltes „Fine, thanks“ herausbrachten. Im Laufe der ersten Tage merkten wir dann, dass dies keineswegs ein Einzelfall war. Überall wo wir hingingen – ob nun zum Ticketschalter für die Manly-Fähre, in den Supermarkt oder in den Pub – begegnete man uns freundlich und mit einem Lächeln auf den Lippen. Das waren wir aus den vorherigen Monaten in Asien nicht gewöhnt. Nicht, dass die Asiaten unfreundlich sind, keinesfalls, aber diese australischen Floskeln kamen doch irgendwie etwas authentischer daher.
Obwohl wir auch dem zu Anfang skeptisch gegenüberstanden. Besonders die Einladung zum BBQ von Chris warf dann doch die Frage auf: „Was wollen die eigentlich von uns?“
Diese Einladung geht zurück auf einen alten Freund von Paulus‘ Vater Uli, den wir selber nicht einmal kennen, der anlässlich unseres Australienbesuches seine Kontakte aufwärmte und fragte ob „jemand dem Sohn eines guten Freundes bezüglich Auto und Job in Australien helfen könne“. Daraufhin meldete sich Chris, der erklärte, dass er zwar damit nicht helfen könne, die Jungs aber wohl zum Lunch einladen und ihnen die Gegend zeigen würde.
Völlig ohne Vorstellungen, was uns erwarten würde, fuhren wir an einem Sonntagmorgen mit der Fähre in den kleinen Strandvorort von Sydney namens Manly, wo uns der kleine, sehr stämmige Australier Chris abholte und mit uns zu sich nach Hause in den Vorort Seaforth fuhr.
Dort erwartete uns seine Frau Keryn, die soweit das Kaltbuffet vorbereitet hatte. Chris drückte uns zwei Bier in die Hand und widmete sich dann, so wie es sich für einen echten Australier gehört, den Känguruwürstchen auf seinem riesigen australischen Grill. Doch damit noch nicht genug. Nachdem wir uns mit dem ersten ordentlichen Fleisch seit Singapur die Bäuche vollgeschlagen hatten und Chris‘ und Keryns bezaubernde Tochter Shani kennenlernten, lud uns Familie Ghosh in ihren typisch australischen Ford Falcon und zeigte uns Ecken und Aussichten, die wir mit einem Stadtplan wahrscheinlich niemals gefunden hätten.
Nach einer ausführlichen Sightseeingtour packte Keryn uns die Reste vom Lunch zusammen mit einem Sixpack Bier von Chris in eine Kühltasche und schickte uns wieder in Richtung Manly-Fähre mit den Worten: „Damit ihr heute Abend im Hostel nicht verhungert! Meldet euch, wenn ihr wieder in Sydney seid, ihr seid herzlich eingeladen!“

Völlig baff fragte Arne nur noch, ob man diese Familie vielleicht für die vergangenen Stunden bezahlt habe, denn mit so einer einzigartigen Herzlichkeit und Gastfreundschaft hatten wir wirklich nicht gerechnet. Doch wir waren noch weitere zwei Mal zu Gast und brachten einmal sogar noch drei Freunde mit und immer wieder gab es reichlich zu essen und zu trinken. So etwas erlebt man nicht oft, vor allem nicht in Deutschland, doch in Australien wird alles geteilt, was man hat.

Abgesehen von Gastfreundschaft und Herzlichkeit ist Australien leider unnormal teuer. So zahlten wir für die ersten Nächte im „Wake-up!“-Hostel in Sydney 34 AU$ pro Nacht. Besonders Alkohol und Zigaretten werden ja von Commonwealth-Ländern gerne umfangreich besteuert. So kommt es, dass ein Sixpack Bier, wie wir es von Chris geschenkt bekommen haben, nicht unter 15 AU$ zu kaufen ist. In Deutschland bekommt man für dasselbe Geld einen Kasten Bier.

BBQ am Shelly Beach mit Isabella und Henning

Shelly Beach bei Sonnenuntergang

die berühmten Manly-Fähren

v.l.: Keryn und Tochter Shani - Lunch bei Chris

vor der Skyline von Sydney

mit Chris und Blick auf Manly



 „La Familia“

Die erste Woche in Sydney machte Lust auf mehr. So zogen wir, euphorisch auf unseren „Roadtrip“ hinblickend, von Autohändler zu Autohändler und tummelten uns auf der Gebrauchtwagenseite von „Gumtree“, um einen erschwinglichen fahrbaren Untersatz zu finden. Nach zwei Verhandlungstagen und ausgiebigen internen Diskussionen, entschieden wir uns für „the Australian Icon“ – einen Ford Falcon Station Wagon. Fast jeder Taxifahrer in Sydney besitzt einen Schlüssel zu jenem Modell und außerdem bekamen wir vom Händler einige Garantien, von denen sicherlich die wichtigste die Versicherung war, dass man den Wagen nach drei Monaten für die Hälfte des Kaufpreises wieder nehmen würde. Das überzeugte letztlich dann doch und rechtfertigte für uns die Sprengung unseres ursprünglichen Budgets.

Zufälligerweise hatten zwei andere Osnabrücker, Malte und Dominic, sehr ähnliche Pläne wie wir. Sie wohnten im selben Hostel, kauften dasselbe Modell beim selben Händler und wollten natürlich in dieselbe Richtung losfahren, wie wir. Warum dann also nicht zusammen reisen? – Naja, zufälligerweise kannten die beiden Arne und die drei verband nicht gerade rosige Erinnerungen bester Freundschaft. Aber dafür war man ja in Australien – also gaben wir dieser Konstellation eine Chance. Komplettiert wurde die deutsche Gruppe durch den Franzosen Charles, dessen Lieblingsausruf in den kommenden Wochen „Speak English!“ werden sollte. Als sich diese Zusammenstellung, bis auf unvermeidliche Rücksichtslosigkeit auf unseren Südeuropäer, bewährte, suchten wir auch zu fünft nach Arbeit.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten etwas zu finden, da sämtliche Farmen in New South Wales die Arbeit wegen des Dauerregens eingestellt hatten, fanden wir Zuflucht auf der Apfelfarm von Steve, der wie ein Hüne gebaut ist, dafür aber unglaublich umgänglich war.
Wir fingen also dort an Äpfel zu pflücken und nahmen jeden Morgen den circa 35 km langen Weg auf uns von unserem kostenlosen Campinglatz „Macquarie Woods“ zu Steves Farm. Steve bezahlte uns pro „bin“, eine Box, der es ungefähr zweieinhalb Stunden Apfelpflücken pro Person bedarf,  sie zu füllen. Wir waren im Prinzip uns selbst überlassen, es gab keine festen Arbeits- oder Pausenzeiten und dazu war die Bezahlung auch nicht unbedingt sahnig. Bei fünf Jungs, langweiliger Arbeit in der prallen Sonne oder im Dauerregen, kann sich jeder vorstellen, dass da die Motivation nicht lange aufrechterhalten werden kann. Trotz energischer Durchhalteparolen von unserem Südeuropäer, dümpelten wir spätestens seit dem dritten Tag nur noch vor uns hin.
Trotzdem schafften wir es irgendwie, dass nach gut zwei Wochen alle Äpfel gepflückt waren und Steve uns unseren letzten Gehaltscheck ausstellte. Den Geldbeutel wieder ein bisschen gefüllt, machten wir uns wieder auf den Weg nach Sydney, um das schleunigst wieder zu ändern und außerdem, um Isabella zu verabschieden, die nach einigen Monaten als Au Pair wieder in die Heimat zurückkehrte.

Nach einem Wochenende in den Clubs von Manly und Sydney, beschlossen wir weiter in den Norden zu fahren, um weiter zu arbeiten. Alle außer Charles. Der hatte scheinbar genug deutsch gehört in den vorherigen Wochen und hatte außerdem ein Jobangebot in Sydney von einem Rugbyclub.
Nur noch zu viert, fuhren wir in mehreren Tagen über das Surfer-Paradies Byron Bay in den Spirituosenort Bundaberg, wo wir hofften Arbeit zu finden. Die Stadt wirbt mit ihrem doppeldeutigen Motto „Discover the spirit of Bundaberg“, womit man auf den im Ort destillierten „Bundaberg Rum“ anspielt. Rund um „Bundy“ gibt es nicht nur Zuckerrohr, sondern auch Avocados, Tomaten, Ananas und einiges mehr. Also hofften wir hier auf einer Farm Arbeit zu finden.
Von einem Parkplatz in Bundaberg aus, auf dem wir Unterschlupf gefunden hatten, telefonierten wir so gut wie alle „Working Hostels“ in der Umgebung ab. Leider verwiesen uns alle darauf, dass am kommenden Wochenende Ostern sei und sie davor keine Arbeit vermitteln könnten. So verbrachten wir unser langes Osterwochenende auf einem Parkplatz mitten in der Provinzstadt Bundaberg.

Glücklicherweise rief uns direkt nach Ostern eine nette Dame von einem Caravan Park in Childers zurück, mit der Nachricht, sie hätte mindestens zwei Tage Arbeit für uns. Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle wieder ziemlich knapp bei Kasse, vor allem Dominic, der auf der Apfelfarm den Traktor bis in den vierten Gang jagte und dabei einen der Hänger verlor, der dann selbstständig in das Auto des Chefs manövrierte. Also galt das Motto „zwei Tage ist besser als gar nichts“.
Noch am selben Morgen kamen wir im nur 50 km entfernten Childers an, checkten ein und wurden auch direkt zur Maywald Farm geschickt, die wohl noch Arbeiter brauchte. Die Maywald Farm beschäftigt 40 Millionen Ananaspflanzen, von denen jede ungefähr 4 bis 6 Früchte hervorbringt. Außerdem baut man hier auch noch Zuchinis, Wassermelonen und Kürbisse an. Eigentlich wird hierfür nur ein fester Mitarbeiterstab benötigt, der das ganze Jahr lang pflückt und pflanzt. Doch aufgrund des heftigen Regens, sah sich Chef Peter gezwungen Backpacker als Hilfe einzustellen.

Schon nach unserem ersten Tag im Ananasfeld, sicherte man uns mindestens eine Woche mehr Arbeit zu, während man sämtliche andere Backpacker aus Belgien, Frankreich und Italien entließ.
Also richteten wir uns auf dem Caravan Park in Childers ein, kauften gut ein und kochten seit langem mal wieder etwas Ordentliches. Mehr und mehr kristallisierte sich hier eine richtige Gemeinschaft aus Backpackern und Australiern heraus, die alle auf den umliegenden Feldern Früchte pflückten. Den meisten Eindruck in dieser „Familia“ hinterließen sicherlich die beiden Italiener Toshen und Johnny, die nicht nur wegen ihrer Frisuren aussahen wie Brüder, sich aber auch erst in Australien kennenlernten. Sie hatten viel gemeinsam, allem voran ihre Lebensweise geprägt von ständigem Weedkonsum. Trotzdem hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Der Mailänder Toshen, der stets ausschließlich einen schwarzen Kilt trug und kulinarisch nicht über Fischstäbchen auf Toast oder Reis mit Senf hinauskam, war eher ruhig aber nicht unkommunikativ und fürchterlich verplant.
Johnny, aus Rom, hingegen war ein Gott am Herd und zauberte jeden Abend feinste Pasta, die die Neider hinter seinem Rücken staunen ließ. Mit ihm konnte man wirklich lange und tiefsinnige Gespräche führen, die einem auch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf bestimmte Dinge eröffneten.

Wenn wir uns nicht gerade über Toshen amüsierten, wie er zum fünften Mal hin und her rannte und schon wieder vergessen hatte, wonach er auf der Suche war oder nicht gerade voller Neid auf Johnnys Teller gierten, saßen wir wahrscheinlich zusammen mit dem australischen Urgestein Peter, der stets ein „Southern-Cross“-Shirt trug, am Tisch und pokerten – stunden- und nächtelang.

Tagsüber im Ananasfeld war dann allerdings wirklich harte Arbeit angesagt. Hier hat man genug damit zu tun mit den erfahrenen Australiern mitzuhalten, die drei Ananas pflückten, während wir gerade eine in der Hand hielten. Dabei stehen alle Pflücker in einer Reihe an einem Fließband, auf das man die reifen Früchte legt. Dieses Fließband ist an einen Hänger gekoppelt, auf dem die Früchte sortiert werden. Das heißt es gibt keine Pausen, da auf dem Hänger immer zwei Boxen stehen. Demnach kann eine volle Box gegen eine leere ohne Unterbrechung ausgetauscht werden. Bei einem achtstündigen Arbeitstag mit lediglich einer zwanzigminütigen Pause kann man da unter Queenslands unerbittlicher Sonne schon mal ins Schwitzen kommen. Sogar so sehr, dass wir für gewöhnlich abends spätestens gegen halb neun in unseren Kofferraum stiegen und schliefen.

Wir schienen uns als gute Arbeiter bewährt zu haben, denn es kamen weitere Wochen Arbeit hinzu, sodass wir insgesamt knappe vier Wochen für Peter Maywald arbeiteten und mit unserer „Caravan-Park-Familie“ in Childers lebten. Malte und Dominic bekamen sogar noch darüber hinaus Arbeit zugesprochen, während uns so langsam die Zeit ausging, zumal unser Flug auf die Fidschis nahte und wir noch nicht wirklich viel von Australien gesehen hatten.

Demzufolge fiel der Abschied von unseren beiden neuen Freunden und dem Rest auf dem Campingplatz nicht gerade leicht. Doch am nächsten Tag fanden wir uns zum ersten Mal zu zweit in Australien unterwegs auf dem Highway 1 Richtung Norden wieder.
Unsere letzte Woche in Australien wollten wir eigentlich nutzen, um am Great Barrier Reef zu tauchen. Da wir es aber letztlich nur bis nach Airlie Beach schafften, wo das Riff zu weit entfernt ist vom Festland, blieb das leider ein unerfüllter Plan. Wir vertagten das Tauchen auf die Fidschis und traten auch schon wieder die Reise gen Süden an, zumal man in Airlie Beach nicht viel mehr machen konnte, außer teure Touristentouren zu buchen, wozu wir weder Lust noch Geld hatten.
Dafür konnten wir einmal mehr den wunderschönen Strand von Agnes Water genießen. Nach morgendlichem Strandlauf in der aufgehenden Sonne, lagen wir aber auch hier nur faul herum und hatten schon am frühen Nachmittag Langeweile und brachen noch in derselben Stunden auf in Richtung Sydney.
Da es auf dem Weg lag und wir den Jungs noch ein bisschen Campingausrüstung da lassen mussten, legten wir einen erneuten „Stopover“ in Childers ein.

Zurück in Sydney wurden wir zum Glück auch unser geliebtes Auto ohne größere Probleme wieder los und konnten uns jetzt voll und ganz auf unsere letzten zweieinhalb Monate in der Welt freuen.
Zusammen mit Chris und seiner Familie stießen wir beim letzten Lunch noch einmal auf Australien an, bevor wir am nächsten Mittag den Air-Pacific-Flieger nach Nadi bestiegen.

unser Untersatz und Schlafplatz während der drei Monate in "Down Under"

mit Küchenchef Charles

Malte und Dominic

je später der Abend, desto kleiner die Augen

statt heiß und trocken, war es nass und kalt

das Camp in den "Macquarie Woods"

Apfelbauern

Feierabend!

"La Familia" in Childers (es fehlen einige)

Airlie Beach bei Sonnenuntergang

Sarina Beach


Sonnenaufgang am Sarina Beach

Sydney-Night mit Isabella

Byron Bay

Byron Bay

Gourmet-Koch Johnny und Dominic

nach der Arbeit

nach der Arbeit

v.l.: Michael, Toshen und Peter beim Pokern

mit Dominic im Ananasfeld

Arne, Dominic und Malte an Dominics Geburtstag

.
 Australisch Feiern – The Secret Garden Festival
Eins darf in diesem Blog aber nicht vergessen werden: Das „Secret Garden Festival“, das wir schon lange im Voraus gebucht hatten und worauf wir uns schon seit langem freuten. Eingeladen mitzukommen hat uns Tort, eine Australierin, die Jan, Lukas und Arne auf ihrer 2010er Interrail Tour kennenlernten.
Tort war es auch, die uns alle – damals noch zu fünft unterwegs – zu sich nach Hause einlud, um sich dort am Abend vorher schon einmal „warmzutrinken“. Doch Tort wohnt nicht in irgendeinem normalen Reihenhaus  oder ähnlichem. Torts Vorfahren brachten den Weinanbau und die Schafszucht nach Australien. Dem entsprechend groß und altehrwürdig war das Anwesen der Familie. Ein altes, prunkvolles Herrenhaus inmitten eines riesigen Grundstückes, innen gespickt mit alten Kostbarkeiten, allen voran uralte Bücher in einer beeindruckenden Bibliothek, in der die Regale von den hölzernen Dielen bis unter die Decke reichten.

Wir waren auch nicht die einzigen Freunde, die eingeladen waren. Zusammen mit einigen anderen Freunden von Tort dinierten wir im Salon, denn wie sich das für eine ordentliche Hausfrau gehört, stand Torts geliebte Mami den ganzen Nachmittag am Herd und zauberte ein köstliches Abendessen.

Nach einem gebührendem „Warmup“ im Poolhaus, suchten wir uns am nächsten Morgen jeder noch ein passendes Kostüm aus dem Fundus von Mutter und Tochter heraus und fuhren alle zusammen total verkleidet zum Festivalgelände. Noch am Frühstückstisch hatte uns die traurige Nachricht erreicht, dass alle Bands und alle kleinen, versteckten Bühnen, aufgrund des anhaltenden schlechten Wetters, gecancelt wurden. Das Festival bestand also nunmehr aus der Hauptbühne, auf der über den Tag verteilt verschiedene Djs die Masse, die sich jetzt vor einer einzigen Bühne sammelte, beschallten.
Wegen dieses Ausfalls beschlossen die Organisatoren nicht nur Bier und Wein umsonst auszugeben, sondern auch sämtliche Cocktails und alle anderen Getränke. So entwickelte sich das Festival zu einer großen Party im Schlamm mit jeder Menge besoffenen Australiern. Im Nachhinein, war die Absage aller anderen Bühnen und Bands eigentlich das Beste, was hätte passieren können, denn so verlief sich die Party nicht irgendwo im Wald, sondern konzentrierte sich von zwölf Uhr mittags bis vier Uhr Nachts auf eine einzige Bühne. Mit allem, was an diesem Tag passiert und nicht passiert ist, war dieses Festival für uns eine einzigartig geniale Party.


Auch wenn wir im Endeffekt nicht so viel von Australien gesehen haben, wie wir eigentlich vorhatten, können wir auf gelungene Zeit zurückblicken, die geprägt war von australischer Gastfreundschaft und Herzlichkeit, sowie von unseren Jungs Malte und Dominic und der „Familie“ in Childers.






die FÜNF

2.v.r. ist Tort, die uns zum Festival einlud




Inselurlaub mitten im Pazifik
Von Sydney aus flogen wir dann in das Land, das die Sonne am Tag immer als erstes sieht – die Zeitung auf den Fidschis ist stets die erste Tageszeitung, die auf der Welt erscheint.
Doch mit Printmedien wird man wahrscheinlich auf den Fidschis nicht reich. Das Land ist dem Tourismus verschrieben und die Touristen werden schon am Flughafen mit Gitarrenklängen und Südseegesängen und einem herzlichen „BULA!“ (was so viel heißt, wie „Hallo“) empfangen. Die korpulenten Damen mit der Dauerwelle und der typischen Blume im Haar haben ihre Lektion gelernt und sind stets freundlich, liebenswürdig und überaus charmant.
Alle sind gelassen und äußerst entspannt – es scheint auf den Fidschis keine Hektik und keinen Stress zu geben. Warum auch? Wer will das schon, wenn er doch an weißen Sandstränden vor glasklarem Wasser in der Sonne liegen kann. Genau das machten wir dann auch, zunächst bei Paulina auf der Insel Mana. Paulina ist eben so eine typische Fidschi-Mama mit deftigen Rundungen, die stets um das Wohl ihrer Gäste in ihrem kleinen, spartanischen Backpacker-Hostel bemüht ist.

Aber nur in der Sonne liegen war ja auch noch nie so unser Ding und außerdem mussten wir ja unseren verpassten Tauchgang am Great Barrier Reef noch aufholen. Natürlich war direkt neben unserem Hostel ein Tauchshop in dem wir für den ersten Abend einen Nachttauchgang buchten.
In der  Nacht-und-Nebel-Aktion unseres Lebens holte uns der Tauchlehrer aus unserem Zimmer, zeigte uns beiläufig unsere Ausrüstung und setzte uns in ein winziges Motorboot, mit dem wir dann hinausfuhren. Die einzige Lichtquelle waren unsere Taschenlampen, ansonsten absolute Dunkelheit. Mit einem spannungsvollen Gribbeln tauchten wir in den Pazifik ein. Obwohl der Spot weniger Nachtaktiv war als erwarten, bekamen wir immerhin einen kleinen Reefshark und eine völlig aufgeregte Schildkröte zu Gesicht, die sich vor lauter Angst an einem Felsen stieß.
Da wir in der Nacht noch nicht wirklich viel gesehen hatten, fuhren wir am nächsten Morgen direkt wieder raus und hatten dieses Mal etwas mehr Glück. Farben- und Fischvielfalt waren zurückgekehrt und außerdem war das Wasser so klar wie in der Badewanne. Wie vom Tauchlehrer versprochen, umkreiste uns an jenem Morgen auch ein etwas größerer Hai von etwa 1,7 Metern.
Als wir unsere Tauchgänge absolviert hatten und auch von der Insel Mana so ziemlich alles gesehen hatten, buchten wir die Fähre zur „Beachcomber Island“, die auf den Fidschis als Partyinsel bekannt ist. Diese Insel besteht aus einem Resort mit Bar, Restaurant und Spa und ist in fünfzehn Minuten zu Fuß umkreist. Gesäumt von weißem Sand und natürlich glasklarem Wasser ist das eine waschechte kleine Südseeinsel wie aus dem Bilderbuch.
Die Landschaft dieser Insel war auch das einzig richtig beeindruckende, denn für eine ordentliche Party waren nicht genug Leute da, auch wenn wir drei Australier und einen Dänen trafen, mit denen wir dann unsere eigene Party starteten. Jedoch waren die Getränke unglaublich teuer, sodass am nächsten Morgen, als es daran ging die Rechnung vom Vorabend zu begleichen, das böse Erwachen kam.

Wer einen richtigen Inselurlaub machen will, wo man sich nur aus dem Liegestuhl erhebt, um eben ins Wasser zu gehen, der ist auf den Fidschis richtig. Wer im Urlaub gerne etwas mehr Aktivität hat, der kann viel Geld zahlen für Späße, wie Wasserski fahren etc. oder einfach woanders Urlaub machen, wo man nicht auf einer winzigen Insel feststeckt und sich langweilt. Das soll jetzt gar kein negatives Fazit sein, denn die Fidschi-Inseln sind wirklich wunderschön, aber viel mehr machen kann man hier nicht.
Ach ja und etwas müssen wir hier einfach noch loswerden: Wer auf gutes Essen im Urlaub steht, sollte die Fidschis unbedingt meiden, denn die Versuche irgendwelche internationalen Küchen zu imitieren, scheiterten in dieser einen Woche allesamt so kläglich, dass wir nicht nur einmal das Gefühl von Fremdscham verspürten. Sorry, aber das Essen war echt scheiße.









Liebe, Frieden & gutes Essen!
paulus&arne.