Samstag, 29. Oktober 2011
Donnerstag, 20. Oktober 2011
My Friend! Do you want a taxi? Rikshaw?
Nachdem wir die Flucht aus der unerträglichen Hitze Abu Dhabis und Dubais ergriffen hatten, suchten wir Zuflucht in Indiens Bollywood-Hauptstadt Bombay oder Mumbai, wie man heute sagt. Das Problem war nur, dass wir uns dieser Zuflucht nicht ganz sicher waren, denn aufgrund eingehender Warnungen seitens unserer Eltern, betraten wir die Stadt mit dem Höchstmaß an aufzubringender Skepsis. Wir waren gewappnet und stets auf der Hut vor Einheimischen, die an unser Geld wollen. Berechtigt war dies in der ersten Nacht allemal, nicht nur wegen des überteuerten Hotels, sondern auch aufgrund des scheinbar drogensüchtigen Taxifahrers, der nach der Ankunft mit glasigem Blick nur noch „gimme tips“ herausbrachte.
Wir merkten jedoch auch schnell, dass die Einheimischen sehr hilfsbereit sind, wenn man nicht denen folgt, die einen mit „My Friend!“ ansprechen. So verhalf uns am nächsten Tag ein Mann namens Felix zu einem günstigeren Hotel. Nachdem wir ihm nicht nur die neue Bleibe, sondern auch einige Trips durch die überfüllten Märkte und hektischen Slums zu verdanken hatten und immer noch kein Geld für die Sightseeing-Touren verlangt wurde, kam doch mittelschwere Skepsis bei Arne und mir auf. Es war nicht das, was wir erwartet hatten, von einem Inder durch die Stadt geführt zu werden, gute Restaurant-Tips zu bekommen, vor eben den Leuten beschützt zu werden, die einen ausnehmen wollen und für das Ganze nicht einmal was zu zahlen. Doch es stellte sich heraus, dass Felix tatsächlich ein Mann war, der gerne Ausländern weiterhilft und Zeit mit ihnen verbringt. So haben wir ihm so ziemlich alles, was wir in Bombay an Eindrücken gewannen, zu verdanken.
Wenn man aus Europa und der europäischen Kultur nach Bombay kommt, dringen so viele Eindrücke auf einen ein, dass man diese nicht im Ansatz festhalten kann. Was dabei am meisten auffällt, ist, dass im Grunde alles anders ist. Es ist nicht nur die Infrastruktur, die viel individueller, viel weniger reglementiert ist, es ist vor allem auch die Sauberkeit und Hygiene, die im Vergleich zu Europa zu wünschen übrig lässt. So ist Schimmel, Kalk und Rost im Bad hier mehr ein ständiger Begleiter, als ein entfernter Bekannter. Das Toilettenpapier ist längst in die Kategorie der Luxusgüter gerutscht und wenn man keine kleine Brause neben der Toilette findet, ist man mehr oder weniger auf sich und seine linke Hand gestellt. Es wird viel an europäischem Standard gespart. Das Wort Komfort bekommt in Indien eine ganz neue Bedeutung, man merkt, wie viel von dem, was man hat, Komfort ist. So gibt es in Bombay nicht ansatzweise ein System zur Müllbeseitigung und die Inder selbst schmeißen ihren Abfall auf die Straße oder auch gerne direkt ins Meer. Deshalb gleichen einige Teile der Stadt eher einer Mülldeponie.
Grund hierfür könnten zwei Dinge sein. Zum einen sind es wahrscheinlich einfach zu viele Menschen, die zu viel Müll machen, um diesen zu entsorgen, denn immerhin zählt Bombay zu den größten Städten der Welt. Zum anderen aber schlich sich der Gedanke bei uns ein, dass dies eine Maßnahme zur Verminderung des CO2-Ausstoßes sein könnte, denn es entfallen beträchtliche Mengen an Abgasen allein dadurch , dass es keine Müllautos gibt und der Müll in der Regel nicht verbrannt wird. Vielleicht also sollten wir uns ein Vorbild daran nehmen. Vielleicht.
Trotz der Sparmaßnahmen in puncto Müllabfuhr herrscht zumindest tagsüber unheimlicher Verkehr in der Stadt. Das einzige verkehrsregulierende Mittel was es gibt ist die Ampel und das auch nur am Tage, denn in der Nacht scheinen die Inder farbenblind zu werden. Ansonsten reguliert sich der Verkehr mittels ständigen Hupens und Schreiens selbst – ein Traum für jeden freien Marktwirtschaftler.
Dadurch, dass Indien, auch aufgrund der zahlreichen Straßenverkäufe, anscheinend keine Struktur zur Preisbildung hat, ist das Wichtigste, wie erwartet, das Handeln. Allerdings ist das nicht ganz so einfach, wenn man so aussieht wie wir – also wie Touristen, denn wenn die Inder eines können, ist es ihre häufig an Qualität mangelnde Ware semantisch in der Himmel zu loben. Das Handeln also muss gelernt werden.
Ebenso eindrucksvoll sind die unterschiedlichen Gerüche Bombays. So beherrschen nicht exotische indische Gewürze den Straßengeruch, sondern eher eine äußerst interessante Mischung aus Abgasen, Müll, Fäkalien und gesalzenem Fisch.
Jedoch gewöhnt man sich an alles und es gibt viel, an was man sich gewöhnen muss.
Dazu gehört auch die Fortbewegung. Man fährt nicht mal eben mit Bahn oder Bus in zehn oder zwölf Stunden von Hamburg nach München, nein, man muss für die Strecke von Bombay nach Goa circa 16 Stunden einplanen. Gefahren wird mit einem „Sleeper“-Reisebus, indem man sich eine schmale Pritsche auch noch teilen muss. Dafür aber kommt man für den Transport mit weniger als zehn Euro aus, womit man in Deutschland mit Bus oder Bahn wahrscheinlich nicht mal ins nächste Örtchen käme.
In Anjuna Beach (Goa) ereilte uns dann nach drei Tagen akustischen Dauerstresses so schlagartig die Ruhe und die Gelassenheit, dass wir es kaum glauben konnten. Schon nach den ersten Stunden war völlig klar, dass wir in eine andere Welt gereist waren. Entgegen der ständigen Hektik und der andauernden Überreizung jeglicher Sinnesorgane, regiert in Goa einfach nur die Ruhe, die Gelassenheit und das „Sich-Selbst-Genießen“ („enjoying-yourself“). Es handelt sich mehr um ein Überbleibsel der 70er-Jahre Hippie-Subkultur, als um traditionelle indische Kultur. Fast schon routinemäßig wird man auf der Straße gefragt: „Do you want to smoke something, my friend?“ . Hierbei wird das „something“ zum sinntragenden Bestandteil des Satzes und bezieht sich so gut wie ausschließlich auf Drogen.
Wenn wir also nicht gerade „uns-selbst-genossen“ liehen wir uns einen Roller und entdeckten die Gegend und atemberaubende Strände, wie Arambol, einem Strand, an dem sich Arne und ich völlig allein widerfanden.
Getrieben von den mitreisenden Mädchen, ergriffen wir einige Tage später die Flucht und steuerten Süd-Goa an, um genauer zu sein die Stadt Palolem mit dem wahrscheinlich schönsten Strand Goas. Palolem ist bisher das Unindischste, was wir auf der Reise zu sehen bekamen, denn der Strand gleicht mit seinen zahlreichen „Beach-huts“ mehr einer Karibikinsel. Definitiv ein gefundenes Fressen für Schnäppchenjäger, denn an indische Preise kommt wahrscheinlich keiner heran, und absolut eine Alternative zu herkömmlichen Standard-Mittelmeer-Strandurlaub. Nicht nur der Strand ist idyllisch, sondern auch der Straßenverkehr wird in Goa mehr von im Weg stehenden Kühen bestimmt, als von penetrant hupenden Kleinwagen.
Unser Tagesrythmus in Palolem war ein ganz einfacher: Im Grunde wechselte sich der Strand mit den Restaurantbesuchen ab und abends freute sich der Chef des kleinen Alkoholshops über unseren Einkauf für den Sonnenuntergang am Strand.
Dass man so allerdings nicht ewig leben kann, lernte man frühestens in der Grundschule, wenn man da aber nicht aufmerksam war – auch nicht so schlimm, denn irgendwann jammert auch der Geldbeutel.
Also zwängten wir uns mit hunderten Indern in ein enges Zugabteil der untersten Klasse, wo die Menschen überall lagen und schliefen, ob auf dem Boden oder in der Gepäckablage. Als der Zug sich nach einiger Zeit leerte, wurde nach anfänglichem Stehen, endlich auch ein Erdenplätzchen für uns frei.
Gebeutelt von der anstrengenden Übernachtzugfahrt liegen jetzt hinter mir im Bett tief schlafend Birte, Samira und Arne in einem Hotelzimmer irgendwo in Mangalore und von draußen ertönt das so sehnlich vermisste Straßenorchester.
Samstag, 8. Oktober 2011
Welcome to ETISALAT!
Nachdem wir das völlig unterkühlte Flugzeug nach Abu Dhabi verließen und in die muslimische Welt eintauchten, fanden wir seltsame SMS auf unseren Handys, die uns wahrscheinlich ein SMS -technisches Vermögen kosteten. Der Absender war „ETISALAT“. Ich wollte schon „Nein, danke“ sagen, als ich merkte, dass wir uns nicht mehr im Flugzeug befinden. Als Arne und ich dann zweimal verblüfft die Blicke wechselten, bekamen auch wir mit, dass „ETISALAT“ der wahrscheinlich größte Telefonanbieter der Vereinigten Arabischen Emirate ist und kein arabisches Grünzeug. – Es war die Einführung in eine Stadt in der alles anders ist, in der alles ein bisschen größer ist.
Angefangen bei dem netten Personal am Immigration Counter, bei denen ich zuerst dachte, es wäre der Scheich persönlich, doch dann mitbekam, dass die Kleidung üblich ist für Männer in dieser Region. Als wir aber das erste Mal an die Luft traten, wurde jede Erwartung übertroffen, wir rannten aus dem klimatisierten Flughafengebäude mit unseren 20-Kilo-Rucksäcken buchstäblich gegen eine Wand. Und auch hier blieb uns nichts anderes übrig als ungläubig mit dem Kopf zu schütteln – es war kurz vor zehn Uhr nachts und es hatte ca. 35 °C bei einer Luftfeuchtigkeit, die wir bis dato noch nicht erlebt hatten.
Angefreundet mit den neuen klimatischen Bedingungen, denen wir hoffnungslos ausgesetzt waren, fuhren wir per Taxi zu unserem irischen Host Enda. Schon während der Taxifahrt drängte sich uns der Gedanke auf, dass Abu Dhabi eine Stadt mit sehr, sehr weiten Wegen und unheimlich günstigen Taxis ist, so zahlten wir für ca. 20 Kilometer umgerechnet ungefähr 9 €.
Als wir nach einigem Suchen Endas Apartment fanden, hatten wir unmittelbar auch schon jeder ein Glas guten irischen Ciders eingeschänkt – ein Hoch auf die Iren! Dieser erste Eindruck bestätigte während der Zeit, die wir mit Enda verbrachten, obwohl wir uns nur an den beiden Abenden kurz sahen, so hatten wir doch eine sehr kurzweilige, sehr interessante Zeit, in der wir sowohl Shisha rauchten, Cocktails mixten, als auch über alles Mögliche philosophierten. So war unser erster Couch-Surfing-Gastgeber ein wirklicher Glückstreffer.
Wenn wir nicht gerade mit Enda die Zeit verbrachten, schauten wir uns den Protz Abu Dhabis und Dubais an. So standen wir vor dem höchsten Gebäude der Welt – dem Burj Khalifa – und wunderten uns, warum wir die Einzigen auf der Straße waren, die in der glühenden Hitze schmolzen. Die Lösung fanden wir, als ein Security-Mann uns aufforderte den offiziellen Eingang in der nahegelegenen, auf 20 °C heruntergekühlten „Dubai-Mall“ aufzusuchen. Dass wir keine Menschen auf der Straße sahen, war allerdings kein Phänomen des Burj Khalifa, sondern eher der Einheimischen von Dubai und Abu Dhabi generell. Wenn man Leute auf der Straße sieht, sind es eigentlich immer nur Touristen oder Arbeiter, die auf ihren Shuttle warten. Die Einheimischen, ob nun Scheich oder nicht, bevorzugen es im Allgemeinen mit ihren Luxus-Yachten durch den Straßenverkehr zu segeln, vorbei an all den Fischerbooten von Nissan oder Toyota, denn was ein echter Scheich ist, muss mindestens einen europäischen Sportwagen besitzen. Nach einer selbst aufgestellten Studie, fährt mindestens alle 15 Sekunden ein Auto mit einem Wert von mindestens 100.000 € an dir vorbei. Und es sind alles Neuwagen. Die Sinnlosigkeit besteht darin, dass es eigentlich total unnütz solch ein Auto mit unheimlich viel PS zu fahren bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h und der Tatsache, dass es für die ganzen Geländewagen, wie Q7, Hummer oder X5, gar nicht genug Gelände gibt, um genau zu sein gar keines – abgesehen von Sanddünen. Aber dieses Phänomen ist bekanntermaßen nicht nur in Dubai zu beobachten.
Der Größenwahnsinn beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Architektur und den Straßenverkehr, denn Abu Dhabi hat mit der Ferrari-World nicht nur die schnellste Achterbahn der Welt, sondern mit der gigantischen Moschee auch eine der größten der Welt. Geplant war ursprünglich – natürlich – die größte Moschee der Welt, doch als die „Saudis“ davon Wind bekamen, erhoben sie Einspruch, denn man solle doch bitte nicht den Ursprung allen Glaubens, also Mekka, versuchen zu übertrumphen. Was diese Moschee allerdings hat, ist den wahrscheinlich größten Teppich der Welt.
Abu Dhabi war in jedem Falle ein sehr gelungener Anfang, vor allem dank Endas Gastfreundschaft. Wir haben gelernt, dass wir uns, wenn wir in Deutschland zurück sind, nicht mehr zu viele Gedanken über zu hohen Stromverbrauch machen müssen, denn eines ist klar: Abu Dhabi und Dubai zusammen verbrauchen so wie so viel mehr Strom als ganz Deutschland.
Zur Zeit sind wir dabei Bombay aufzusaugen, denn die Eindrücke prasseln nur so auf uns ein. Hier ist jeder Tag ein neues Abenteuer!
Bald mehr aus und über Indien!
peace&love.paulus&arne.passt auf euch auf!
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