Dienstag, 22. November 2011

City of Shiva


Ein leises aber wohliges Schnarchen ertönt von der gegenüberliegenden Bank. Wenn ich die Augen zu mache, könnte das genauso gut Arne sein, aber der liegt über mir im Zug nach Agra. Inder schnarchen gar nicht so anders – eigentlich hört es sich so an wie sich Schnarchen halt anhört. Mir drängt sich irgendwie die Frage auf, ob das Schnarchen eine verloren gegangene Sprache ist, da es ja auch nur bestimmte Menschen sind, die es regelmäßig tun. 

Auch der Hotelbesitzer in Varanasi hatte leise vor sich hin geschnarcht, als er in aller Seelenruhe ein Nickerchen am Nachmittag in seinem Bett mitten in seinem eigenen Restaurant hielt. Es hatte zwar auf eine gewisse Art etwas beruhigendes, aber es war gleichermaßen etwas verstörend, wenn man sich vorstellt man säße jetzt neben seinem Bett und isst. Auch deshalb, aber vor allem wegen des schönen Wetters setzten Arne und ich uns auf die Terrasse des auf dem Dach gelegenen zu unserem Hotel gehörenden Restaurants.
Die Sonne schien zwar, wurde aber von einem über der Stadt liegenden Smog so arg gedämpft, dass man hier nicht bis Sonnenuntergang auf atemberaubende Lichtspiele durch die unterschiedliche Brechung des Lichtes durch verschiedene Teilchen warten musste. Das Begann schon nachmittags, als das Licht schwächer wurde. Es verleiht der Stadt Varanasi etwas Drückendes, vor allem wenn man an einem Ghat steht und von den Rauchschleiern der am Ufer unter freiem Himmel brennenden Leichen eingehüllt wird. Ebenso ist man ein wenig enttäuscht, wenn man den Blick in die leichte Rechtskurve legt, den der Ganges entlang der Stadt macht, denn auch hier nimmt der Smog einem einen wunderschönen Ausblick. 

Als hätte der Zufall unsere leichte Enttäuschung gespürt, fand am zweiten Abend unseres Aufenthaltes in Varanasi ein großes Lichterfest statt, für das sich die heilige Stadt schon einen Monat im Voraus herausgeputzt hat. An dem besagten Abend erstrahlt Varanasi dann in vollem Prunk. Alles durch Millionen von kleinen Kerzchen, aber auch durch unzählige elektronische Lichter, wodurch die zahlreichen Stromausfälle in den folgenden Tagen zu erklären waren. Alles, was an Lautsprechersystemen vorhanden war, wurde aufgefahren und zum Krachmachen missbraucht. Hindipop und völlig unmelodische und unrhythmische Sprechgesänge sind auf Dauer mehr Zumutung als Vergnügen. Auch die drängelnden, schupsenden und festhaltenden Menschenmassen sind kein Spaß, aber entgegen aller unangenehmen Seiten ist es ein einmaliger Anblick die Stadt und den Fluss bei Nacht so lebendig und leuchtend zu erleben. 

Es gab bisher glaube ich kaum eine Stadt in der sich der Tag so sehr von der Nacht unterschied. Am Tag sind alle Inder generell sehr beschäftigt, Stadt und Verkehr sind laut und hektisch. Abends, und das merkte man besonders an den Jungs des Hotels, wird die Stadt etwas sanfter und beruhigt sich allmählich – das Hemd wird abgelegt, die Pupillen weiten sich, die Stimme wird leise und der Wortschatz karg. Um das zu verstehen, sei gesagt, dass Varanasi die Stadt des Gottes Shiva ist. Shiva ist der Gott der Zerstörung. Um sein Gemüht zu besänftigen, hilft nur Mariuhana, denn er wird auf Bildnissen stets mit Chillum (eine Art Pfeife) abgebildet. Deshalb, und das ist kein Scheiß, ist Mariuhana in Varanasi, und offiziell auch nur in Varanasi, legal. Abends also, wird in Varanasi kräftig konsumiert, um Shiva zu zähmen. 

Tagsüber versteht man die Menschen in Varanasi jedoch kaum, was nicht daran liegt, dass sie so undeutlich reden oder noch bekifft sind vom Vorabend. Es liegt auch nicht an mangelnden Englischkenntnissen, im Gegenteil. Es liegt daran, dass die Inder ständig und permanent Kautabak in der Fresse haben. Sie quetschen das Zeug zwischen Unterlippe und Unterkiefer, sodass sie, wenn sie reden immer den Mund heben müssen, damit die Suppe nicht aus dem Mund läuft, was sich dann so anhört, als hätten sie ein rohes Ei im Mund. Der übermäßige Kautabakkonsum führt zu genau zwei Dingen: Zunächst verdienen sich Zahnärzte oder Straßen-„Zahnzieher“ eine goldene Nase, weil die Zähne früher oder später von Kautabak einfach abfaulen. Andererseits rauchen die Inder hier deutlich weniger Zigaretten als woanders, was zum Einen gut für die Lunge ist und zum Anderen Phillip Morris nach und nach aus der Stadt verdrängt. 

Das Abwaschen unserer Sünden im Ganges haben wir letztlich nach einigen Überlegungen dann doch gelassen, nachdem wir sahen wer und vor allem was sich da noch so alles die Sünden abwäscht. Es sind nicht nur die Toten, die am Fluss verbrannt werden, um danach ins Nirvana zu gelangen. Schlimm sind auch nicht die Inder, die sich jeden Morgen darin waschen, aber wenn ich sehe, dass so ziemlich jedes Vieh, das in der Stadt herumläuft in den Ganges zum Baden getrieben wird, dann kann ich mir auch im Hotel unter der Dusche meine Sünden abwaschen. 

Überwältigend ist die Kraft die „Big Mother Ganga“ hat. Sie zieht ein ganzes Volk in ihren Bann. Tausende Pilger, ebenso viele Mythen und genug Menschen, die im Alter nach Varanasi ziehen, um dort auf ihren Tod zu warten, in der Hoffnung dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt entfliehen zu können und direkt ins Nirvana zu gelangen. Dabei strahlt der Fluss eine Ruhe und eine Zurückhaltung aus, als wäre ihm das alles nicht ganz geheuer. 

Die Inder aber glauben fest an die Kraft ihres heiligen Flusses. Das ist es was Varanasi ausmacht, die Spiritualität ist greifbar.

peace&love.arne&paulus.

                                                         der Blick auf den Ganges

                                                  aufräumen für das große Lichterfest



                                                        Arne und das Sonnenrad














                                                    der Ort, an dem Buddha seine erste Rede hielt


                                                    ein verlassener Tempel direkt am Ganges
                                               der Blick auf Varanasi und "Big Mother Ganga"

Freitag, 11. November 2011

Wenn 100 Kinder lachen


Wenn 100 Kinder lachen
 „Knack!“, sagt Arne und legt sein Siegesblatt mit einem triumphierenden Lächeln nieder. Während ich betreten wegschaue, überprüft Johannes, warum seine Mogel-Taktik nicht aufgegangen ist, denn eigentlich hätte er gewinnen müssen.

 Noch bevor er dies herausfand, machte uns ein Mädchen aus dem Ashram darauf aufmerksam, dass unser Essen fertig sei. Johannes als Ashram-Leiter und wir als seine Freunde bekommen das Essen immer von den Kindern vorbereitet, während sie sich in einer Reihe angestellt das Essen abholen müssen. Hier in Mirga wird sehr auf ausgewogene Ernährung geachtet, deswegen gibt es täglich selbst angebautes, frisches Gemüse und dazu Reis. Halt. Die Reihenfolge stimmt nicht – es gibt Reis und zwar in Mengen, die uns unvorstellbar schienen und dazu eine Hand voll Gemüse, meistens Kartoffeln. Die Kinder hier im Ashram, die alle zwischen 7 und 15 Jahre alt sind, essen zu jeder Mahlzeit so viel Reis, wie eine dreiköpfige Familie an zwei Tagen nicht essen kann. Reis ist hier nicht nur Grund- sondern auch Hauptnahrungsmittel. So bekommen die Kinder dreimal täglich Reis, morgens mit Wasser, mittags und abends mit Gemüse. 

Inzwischen haben auch Arne und ich uns auf derartige Mengen eingestellt und den Magen entsprechend gedehnt. Um allerdings trotzdem ein wenig Abwechslung zu genießen, fahren wir jeden Abend auf dem Fahrrad mit Johannes ins nahegelegene Dorf und essen dort auf der Straße ein paar Kleinigkeiten. Meistens sind das mit Gemüse gefüllte, frittierte Teigtaschen. Das Beste an den allabendlichen Ausflügen ist allerdings das Ambiente im Dorf. Man sitzt dann auf der Straße, die eigentlich eher einem platt getretenen Weg gleicht, vor spärlich beleuchteten Lehmhütten und es bildet sich innerhalb von Sekunden eine Traube aus Einheimischen, die teilweise noch nie zuvor einen Weißen gesehen haben. Nach dem ersten kulinarischen Ausflug meinte Johannes, der hier schon seit 3,5 Monaten ist, dann nur: „Wenn ihr das Essen hier vertragt, dann könnt ihr alles essen!“ 


Abgesehen von der einheimischen Küche, sehen Land und Dörfer hier in West Bengalen so aus, wie ich mir Land und Dörfer in Afrika vorgestellt hatte. Die Lehmhütten haben größten Teils weder Strom- noch Wasseranschluss und gewaschen wird (sich) am örtlichen Tümpel, der eine Art Regenwasserbecken aus der Monsunzeit darstellt. Wahrscheinlich genau deshalb nennt man das Ashram (Internat), das unser Freund Johannes im Zuge eines sozialen Projektes ein Jahr lang leitet, den Himmel. Man muss sich das so vorstellen, dass man vom Bahnhof in Chhatna circa eine halbe Stunde mit der Fahrradrikkshaw durch beschriebene Dörfer und Landschaften fährt und plötzlich ein riesiges umzäuntes Stück Land mit großem Tor und langer Auffahrt vor sich hat. Wenn man das Tor passiert und die Auffahrt hereinfährt, befindet man sich unter hoch gewachsenen Bäumen und Palmen, die dem ganzen Grundstück Schatten spenden und tagsüber ein angenehmes Klima schaffen. Wer dann jedoch ein prächtiges Herrenhaus erwartet, wie es auf europäischen Grundstücken dieser Art wahrscheinlich zu finden wäre, der irrt. Linkerhand befindet sich dann das sehr einfach gehaltene Betongebäude, in dem die Kinder unterrichtet werden und schlafen. Hier gibt es Strom und fließend Wasser, dass aus dem Erdboden aus 250 Metern Tiefe gewonnen wird, was das Ashram zu einem der wenigen Orte in Indien macht, an dem man das Wasser aus der Leitung trinken kann.

                                                  in Bankura zwischen Ziegen und Straßenküchen

                                           "der Himmel", wie sie das Ashram dort nennen
                                                  es gibt: REIS!

Trotz der eintönigen Essgewohnheiten und wahrscheinlich gerade wegen des paradiesischen Grundstücks sind die 100 Kinder des Ashrams stets fröhlich und offen für alles. Sie stehen morgens um 5 Uhr auf und sehen dies als Selbstverständlichkeit an. Wo unser einer um 8 Uhr morgens völlig benebelt und noch in seiner eigenen Trance gefangen umherwandelt, brüllen einem augenblicklich 100 aufgeweckte  Kinder „Good morning, Dada!!!“ ins Gesicht und das in einer Lautstärke, die man normalerweise um diese Uhrzeit überhaupt nicht vertragen kann. Böse sein kann man jedoch keinem. Es ist einfach unbeschreiblich und schlicht nicht zu toppen, wenn man abends 100 Kindern beim Tanzen und Musizieren zuschaut und den Spaß aus ihren Augen ablesen kann, vor allem wenn man mit ihnen singt oder sich vor ihnen zum Affen macht. Die Zeit in Mirga war also geprägt von guter Laune, die die Kinder stets verbreiteten, obschon wir uns auch einiger Feldarbeit nicht enthielten, die für die Kinder alltäglich ist, um die Schulkosten niedrig zu halten.
Die Offenheit der Einheimischen macht einem aber doch auch manches Mal zu schaffen. Zwar nicht auf die Kinder bezogen, wenn Arne und ich jedoch am Bahnsteig des örtlichen Bahnhofes auf den Zug warteten, zeigten die Inder keine Scheu sich in einer Menschentraube um uns herum aufzubauen und einfach nur dort zu stehen und zu gaffen. Man kann es leider nicht anders beschreiben, aber es ist als hätte man einem Steinzeitmenschen einen Fotoapparat mit Blitz vorgeführt.

Kalkutta und die Mafia

Aufmerksamen Lesern müsste sich jetzt die Frage stellen, was wir plötzlich in West Bengalen zu suchen haben, wo unser letzter Blogeintrag doch aus Mangalore stammt und Mangalore und West Bengalen doch tausende Kilometer, Wälder, Wüsten und Flüsse trennen. Denn wir sind nicht direkt von Mangalore aus hierher gelangt. Wir haben es uns zunächst bei Arnes Tante in Varkala (Kerala) ganz im Süden von Indien gut gehen lassen, da Tante Annette dort ein Hotel führt. Dort haben wir dank Annettes und Usmans Gastfreundschaft die Tage mal ganz „Shanti, Shanti“ genommen und uns von Usmans indischer Kochkunst bezaubern lassen. Was in Deutschland fast schon als Rarität gilt, wurde uns hier täglich fangfrisch serviert – von frischem Thunfisch bis Red Snapper ließen wir nichts aus. Nach einigen Tagen purer Erholung an Varkalas idyllischem Cliff, hatten wir dann einen Flug abzupassen, der uns von Bangalore nach Kalkutta zu Johannes bringen sollte. 

Das Projekt von Johannes ist zwar 230 Kilometer außerhalb von Kalkutta, das Headoffice von Udayani, dem Jesuitischen Träger des Ashrams, allerdings in Kalkutta. So hatten wir zwei anstrengende und ereignisreiche Tage in der Stadt. Johannes zeigte uns seine Lieblingsplätze, zu dem auch das „Fairlawn Hotel“ zählt, das in einem der touristischeren Vierteln Kalkuttas liegt. Hier ließ sich schon Helge Timmerberg, Autor des Buches „Shiva Moon“, von gut gekühltem Kingfisher inspirieren.
 Das Viertel wird unter Kennern auch „Mafia-Viertel“ genannt. Das ganze läuft so: Ein Inder setzt sich in einem Hotel oder einer Bar, der gehobenen Mittelklasse an deinen Tisch, solange du alleine oder zu zweit bist, ist dabei aber keineswegs aufdringlich. Er bringt also nicht die klassische „My-Friend-How-are-you?-Masche, sondern ist eher zurückhaltend, aber gesprächig. Nach einiger Zeit und netten Unterhaltungen, lädt der Inder Dich zu sich nach Hause ein. Dort angekommen hat man in der Regel verloren und wird allen Reichtums erleichtert und mit Frauen passieren wahrscheinlich noch schlimmere Dinge. Wenn ein Inder, der nicht zum „Klan“ gehört, in das Viertel eindringt, muss dieser bei der Polizei (!!!) quasi „Zoll“ bezahlen, da er die Geschäfte der Mafia stört.
Welcome to India. Hiermit wird natürlich vielen hilfsbereiten und freundlichen Indern Unrecht getan, aber es sind nunmal die schlechten Geschichten, die sic h einprägen und deshalb ist ein grundsätzliches Misstrauen unentbehrlich.

Abgesehen davon macht Kalkutta einen saubereren und aufgeräumteren Eindruck als es Bombay tat, was auch an dem zu der Zeit stattfindenden „Diwali“ liegen konnte. „Diwali“ ist ein Fest, das unserem Weihnachten und Silvester gleicht und mit viel Licht und Feuerwerk gefeiert wird. So hatten wir abends auf dem Dach des fünfstöckigen Udayani-Gebäudes einen herrlichen Ausblick auf a) Kalkutta bei Nacht und b) großartige Lichterscheinungen.

 Auch bei Taxifahrten durch verschiedene Viertel und Straßen von Kalkutta spürt man noch sehr deutlich den britischen Einfluss auf die Stadt, was ihr durchaus sehr schöne Ecken verleiht. Anders als Bombay, erlebten wir Kalkutta also als eine sprudelnde, eindrucksvolle und sehr interessante indische Metropole.

Bislang befinden wir uns also noch bei Johannes im Ashram und genießen die paradiesischen Tage hier, obschon wir uns auch einiger Feldarbeit nicht enthielten. Am Dienstag zieht es uns dann weiter auf der Spur des heiligen Flusses in die heilige Stadt Varanasi.

peace&love.jeromiah&paulsen.

Mittwoch, 9. November 2011

Bilder: Goa

Im Schlafbus nach Goa


Im Janet&Jones - eine Bar am Strand von Anjuna

Strand von Anjuna

Janet&Jones



Mit dem Bus ging es weiter zum nächsten Strand

Palolembeach








erschöfte Jungs die unsere Fußballkünste unterschäzt haben!