„Wollt ihr ein Bier?“,
fragte uns der Vater von Pepe auf Spanisch, als wir gerade hungrig unsere
ersten mexikanischen Tacos verschlungen. „Unbedingt!“, antworteten wir auf holprigem
Spenglisch, nachdem wir mitten in der Nacht aufgestanden waren, um nach dem
zweitägigen „Layover“ in L.A. nach Mexiko zu fliegen. Nach tausenden Kilometern
quer über den Pazifik, zwei Tagen in L.A. und unzähligen Stunden in der
unbequemen Economy-Class hatten wir ein Bier bitter nötig. „Dos Victoria, por
favor!“, bestellt Pepe Senior, um uns danach zu erklären, dass die Mexikaner
Corona an die ganze Welt verkaufen, weil es den meisten Mexikanern gar nicht so
gut schmeckt. Sie behielten ihr gutes „Victoria“ lieber für sich, sagte er mit
einem schelmischen Grinsen.
Als der Rachen mit einem
ordentlichem Schluck Bier gekühlt war, wurde uns das Essen serviert, an dem
Straßenstand irgendwo zwischen Mexiko-Stadt und Morelia, wo die Familie aus
Gewohnheit immer hält. Hier gibt es Tacos und zwar keine einfachen Tacos,
sondern „Tacos de Cabrito“ – also vom gerade geborenen Zicklein. Wir bekamen
aber eine Hasenkeule, was man auch nicht täglich hat. Das erste typisch
mexikanische Essen - stehend vor dem offenen Grill und mit Schweißperlen auf
der Stirn – intus, wurden die letzten Kilometer nach Morelia abgespult, wobei
sich Pepe Sr. etwas mit dem Gas vertat und die Polizei bezahlen musste – so
läuft das hier in Mexiko.
Direkt am nächsten Abend
ging es weiter mit unseren kulinarischen Erfahrungen. Nach einer Stunde Fußball
mit den alten Herren aus Pepe Sr.‘s Freundeskreis in der prallen Sonne und
Morelias Höhenluft, waren wir völlig ausgelaugt und sonnengebrannt. Wie gut,
dass sich die alten Herren nach dem Fußball nicht pingelig geben und das
Bedürfnis verspüren sich sofort umzuziehen oder zu duschen. Nein, hier wird in
der Minute nach Abpfiff der erste Kasten Bier und die erste Flasche Brandy auf
den Tisch gestellt. Immer abwechselnd bringt dann einer etwas zu essen mit, was
dann in großer Runde vertilgt wird.
An diesem besagten Tag
gab es zu unserem Vergnügen Schweinehaut, Schweinefüße und wer jetzt noch nicht
gekotzt hat: Bullenpenis. Tapfer probierten wir alles und stellten fest, dass
nicht der Geschmack an sich das Widerliche ist, sondern die Konsistenz, das
Aussehen eines gekochten, aufgeschnittenen Penis‘, ist was einem Mann den Magen
umdreht – und die Vorstellung an Schweinefüßen zu knabbern ist auch nicht
gerade gourmetverdächtig.
Zu unserer Beruhigung ist
das jedoch nicht unbedingt typisch mexikanisch, denn als wir später am Abend
Pepe Jr.‘s Freunden davon erzählten, verzogen die auch das Gesicht.
Abgesehen von seiner
kulinarischen Vielfalt ist Morelia eine der bedeutendsten Städte Mexikos. Sie
ist nicht nur Hauptstadt des Staates Michoacán und Heimat von einflussreichen
Figuren der mexikanischen Geschichte, wie Miguel Hidalgo und Morelos, sowie des
aktuellen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderon. Viel mehr gehört der alte,
sehr gut erhaltene Kern der Stadt, geprägt von Kathedralen und Kirchen, seit
1991 zum UNESCO Weltkulturerbe.
So schön, wie die
morelianische Altstadt ist, so dunkel sind ihre Gassen. Denn wie wir später in
Mexiko-Stadt von unserem Freund Lucas erfahren sollten, herrscht im Bundesstaat
Michoacán eine der einflussreichsten Kartelle Mexikos – die „Familia
Michoacana“, die wohl einen Großteil des Handels mit Marihuana in Mexiko
kontrolliert.
Ja, es liegt so einiges im Argen in Mexiko. Das
bekommt man allerdings in der gut behüteten Behausung der Familie Herrera in
Morelia nicht mit. Das musste uns alles erst erzählt werden – nicht, dass wir
nicht wüssten, dass in Mexiko innerer Krieg herrscht. Aber wir hatten das
Glück, davon nichts mitbekommen zu haben und dachten schließlich, dass das
alles weit weg im Norden oder in dunklen Vierteln von Mexiko-Stadt passiert.
Aber, dass Morelia mittlerweile als gefährlicher eingeschätzt wird, als
Mexiko-Stadt selbst, hätten wir nicht gedacht. Auch wenn in Mexiko-Stadt in
manchen Vierteln Straßenschlachten zwar ungewöhnlich sind, aber vorkommen
können, wurden 2008 noch Granaten während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten
geworfen – 8 Menschen starben.
Mexikos Zukunft ist
ungewiss. Wird es jemand schaffen das Land aus dem Krieg zu führen? Am 1. Juli
sind Präsidentschaftswahlen. Favorit ist Pena Nieto, der mit schmierigen
Plakaten wirbt, auf dem er Lebensmittel verschenkt und das Volk ihm zujubelt –
schlechter kann ein Foto nicht manipulieren. Bei Nieto ist man sich einig, dass
er eine Marionette ist. Die Frage ist nur, ob von der Mafia oder von Konzernen
oder gar beiden. Zumindest glaubt man das im aufgeklärten Districto Federal,
welches einer der wenigen Plätze in Mexiko zu sein scheint, wo auch
nicht-gekaufte Informationen hingelangen.
Nicht nur, dass Nieto
ziemlich sicher fremdgesteuert ist. Darüber hinaus hat er als Gouverneur des
Bundesstaates Mexiko eine friedliche Demonstration der Bauernbewegung mit
Polizeikraft niederschlagen lassen, wobei zwei Menschen starben, etliche
verletzt wurden und über 40 Frauen von Polizisten vergewaltigt wurden. „Wenn
Nieto die Wahl gewinnen sollte, dann sperren Linke und Studenten die Stadt“,
ist Lucas sich sicher.
Lucas ist seit knapp 9
Monaten in Mexiko, im Rahmen eines sozialen Projekts mit Ex-Straßenkindern und
Missbrauchsopfern und kennt das Land mittlerweile, wie sein eigenes. Er erklärt
uns viel, vor allem hinsichtlich Regierung und Drogenkrieg, hat uns aber auch
zu allen Sehenswürdigkeiten in Mexiko-Stadt geschickt.
Abends bei einem Bier in
einer Bar fragt er uns, ob wir den Park neben dem „Palast der Schönen Künste“
(„Bellas Artes“) gesehen haben. Dort, direkt neben einer der Hauptattraktionen
von Mexiko-Stadt, holten pädophile Freier die Straßenkinder ab.
So tief die Abgründe aber
auch sind in Mexiko, steht außer Frage, dass es ein Land ist, was sich wirklich
lohnt zu bereisen. Allen voran wegen der Kultur, der Cuisine und der
mexikanischen Mentalität, die es sich Lohnt zu verstehen und kennenzulernen.
Und der Drogenkrieg
lauert nicht hinter jeder Straßenecke – man sollte auf jeden Fall vorsichtig
sein, aber Angst ist definitiv zu viel.
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peace&love.alex&paul.
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