Samstag, 30. Juni 2012

Viva México, Cabrones!

„Wollt ihr ein Bier?“, fragte uns der Vater von Pepe auf Spanisch, als wir gerade hungrig unsere ersten mexikanischen Tacos verschlungen. „Unbedingt!“, antworteten wir auf holprigem Spenglisch, nachdem wir mitten in der Nacht aufgestanden waren, um nach dem zweitägigen „Layover“ in L.A. nach Mexiko zu fliegen. Nach tausenden Kilometern quer über den Pazifik, zwei Tagen in L.A. und unzähligen Stunden in der unbequemen Economy-Class hatten wir ein Bier bitter nötig. „Dos Victoria, por favor!“, bestellt Pepe Senior, um uns danach zu erklären, dass die Mexikaner Corona an die ganze Welt verkaufen, weil es den meisten Mexikanern gar nicht so gut schmeckt. Sie behielten ihr gutes „Victoria“ lieber für sich, sagte er mit einem schelmischen Grinsen.

Als der Rachen mit einem ordentlichem Schluck Bier gekühlt war, wurde uns das Essen serviert, an dem Straßenstand irgendwo zwischen Mexiko-Stadt und Morelia, wo die Familie aus Gewohnheit immer hält. Hier gibt es Tacos und zwar keine einfachen Tacos, sondern „Tacos de Cabrito“ – also vom gerade geborenen Zicklein. Wir bekamen aber eine Hasenkeule, was man auch nicht täglich hat. Das erste typisch mexikanische Essen - stehend vor dem offenen Grill und mit Schweißperlen auf der Stirn – intus, wurden die letzten Kilometer nach Morelia abgespult, wobei sich Pepe Sr. etwas mit dem Gas vertat und die Polizei bezahlen musste – so läuft das hier in Mexiko.

Direkt am nächsten Abend ging es weiter mit unseren kulinarischen Erfahrungen. Nach einer Stunde Fußball mit den alten Herren aus Pepe Sr.‘s Freundeskreis in der prallen Sonne und Morelias Höhenluft, waren wir völlig ausgelaugt und sonnengebrannt. Wie gut, dass sich die alten Herren nach dem Fußball nicht pingelig geben und das Bedürfnis verspüren sich sofort umzuziehen oder zu duschen. Nein, hier wird in der Minute nach Abpfiff der erste Kasten Bier und die erste Flasche Brandy auf den Tisch gestellt. Immer abwechselnd bringt dann einer etwas zu essen mit, was dann in großer Runde vertilgt wird.

An diesem besagten Tag gab es zu unserem Vergnügen Schweinehaut, Schweinefüße und wer jetzt noch nicht gekotzt hat: Bullenpenis. Tapfer probierten wir alles und stellten fest, dass nicht der Geschmack an sich das Widerliche ist, sondern die Konsistenz, das Aussehen eines gekochten, aufgeschnittenen Penis‘, ist was einem Mann den Magen umdreht – und die Vorstellung an Schweinefüßen zu knabbern ist auch nicht gerade gourmetverdächtig.
Zu unserer Beruhigung ist das jedoch nicht unbedingt typisch mexikanisch, denn als wir später am Abend Pepe Jr.‘s Freunden davon erzählten, verzogen die auch das Gesicht.

Abgesehen von seiner kulinarischen Vielfalt ist Morelia eine der bedeutendsten Städte Mexikos. Sie ist nicht nur Hauptstadt des Staates Michoacán und Heimat von einflussreichen Figuren der mexikanischen Geschichte, wie Miguel Hidalgo und Morelos, sowie des aktuellen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderon. Viel mehr gehört der alte, sehr gut erhaltene Kern der Stadt, geprägt von Kathedralen und Kirchen, seit 1991 zum UNESCO Weltkulturerbe.

So schön, wie die morelianische Altstadt ist, so dunkel sind ihre Gassen. Denn wie wir später in Mexiko-Stadt von unserem Freund Lucas erfahren sollten, herrscht im Bundesstaat Michoacán eine der einflussreichsten Kartelle Mexikos – die „Familia Michoacana“, die wohl einen Großteil des Handels mit Marihuana in Mexiko kontrolliert.

                Ja, es liegt so einiges im Argen in Mexiko. Das bekommt man allerdings in der gut behüteten Behausung der Familie Herrera in Morelia nicht mit. Das musste uns alles erst erzählt werden – nicht, dass wir nicht wüssten, dass in Mexiko innerer Krieg herrscht. Aber wir hatten das Glück, davon nichts mitbekommen zu haben und dachten schließlich, dass das alles weit weg im Norden oder in dunklen Vierteln von Mexiko-Stadt passiert. Aber, dass Morelia mittlerweile als gefährlicher eingeschätzt wird, als Mexiko-Stadt selbst, hätten wir nicht gedacht. Auch wenn in Mexiko-Stadt in manchen Vierteln Straßenschlachten zwar ungewöhnlich sind, aber vorkommen können, wurden 2008 noch Granaten während der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten geworfen – 8 Menschen starben.

Mexikos Zukunft ist ungewiss. Wird es jemand schaffen das Land aus dem Krieg zu führen? Am 1. Juli sind Präsidentschaftswahlen. Favorit ist Pena Nieto, der mit schmierigen Plakaten wirbt, auf dem er Lebensmittel verschenkt und das Volk ihm zujubelt – schlechter kann ein Foto nicht manipulieren. Bei Nieto ist man sich einig, dass er eine Marionette ist. Die Frage ist nur, ob von der Mafia oder von Konzernen oder gar beiden. Zumindest glaubt man das im aufgeklärten Districto Federal, welches einer der wenigen Plätze in Mexiko zu sein scheint, wo auch nicht-gekaufte Informationen hingelangen.

Nicht nur, dass Nieto ziemlich sicher fremdgesteuert ist. Darüber hinaus hat er als Gouverneur des Bundesstaates Mexiko eine friedliche Demonstration der Bauernbewegung mit Polizeikraft niederschlagen lassen, wobei zwei Menschen starben, etliche verletzt wurden und über 40 Frauen von Polizisten vergewaltigt wurden. „Wenn Nieto die Wahl gewinnen sollte, dann sperren Linke und Studenten die Stadt“, ist Lucas sich sicher.

Lucas ist seit knapp 9 Monaten in Mexiko, im Rahmen eines sozialen Projekts mit Ex-Straßenkindern und Missbrauchsopfern und kennt das Land mittlerweile, wie sein eigenes. Er erklärt uns viel, vor allem hinsichtlich Regierung und Drogenkrieg, hat uns aber auch zu allen Sehenswürdigkeiten in Mexiko-Stadt geschickt.

Abends bei einem Bier in einer Bar fragt er uns, ob wir den Park neben dem „Palast der Schönen Künste“ („Bellas Artes“) gesehen haben. Dort, direkt neben einer der Hauptattraktionen von Mexiko-Stadt, holten pädophile Freier die Straßenkinder ab.

 So tief die Abgründe aber auch sind in Mexiko, steht außer Frage, dass es ein Land ist, was sich wirklich lohnt zu bereisen. Allen voran wegen der Kultur, der Cuisine und der mexikanischen Mentalität, die es sich Lohnt zu verstehen und kennenzulernen.

Und der Drogenkrieg lauert nicht hinter jeder Straßenecke – man sollte auf jeden Fall vorsichtig sein, aber Angst ist definitiv zu viel.

"Los Tarascos" - Morelia

man nennt ihn auch "Arnaldinho"

Bier, Schweinefüße und Bullenpenis


Morelia

die alten Fußball-Herren

Morelia-Altstadt

Hausbar

Kathedrale in Morelia



Mexiko-Stadt vom "Torre Latino" aus

Lucas und Marthe






peace&love.alex&paul.

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